Ukrainisches Kriegstagebuch

Die Wunden des Weltkriegs reißen wieder auf

Von Billy Six aus Lemberg

 

Ankunft im Kriegsgebiet. Mitten in der Nacht. Trotz landesweiter Ausgangssperre ab 23 Uhr sind die ukrainischen Grenzposten zu Polen weiterhin geöffnet; Wartezeit nun keine 30 Minuten mehr. Deutsche Staatsbürger dürfen für drei Monate visafrei und problemlos einreisen – auch mit dem privaten Pkw. Die Überlandstraßen sind in der Dunkelheit fast leer. Diesel und Benzin gibt es nur zu bestimmten Stoßzeiten an ausgewählten Tankstellen – und jetzt noch lediglich leicht günstiger als in Deutschland. Entlang des Straßenrands verteilte Panzersperren, Betonblöcke und Autoreifen stellen bei schlechter Sicht eine nicht zu unterschätzende Unfallgefahr dar. Besetzt sind die provisorischen Kontrollposten hier aktuell nicht mehr. Die Sorgen eines schnellen russischen Durchmarschs sind verflogen. Vorerst – denn ein möglicher Kriegseintritt des nahen Weißrusslands ist nicht vom Tisch. Angekommen in Lemberg, der historischen „Löwenstadt“, von den Ukrainern „Lviv“, bei Russen und Polen „Lwow“ genannt: Spontane Polizeikontrollen, ausgestattet mit Maschinengewehren, werden professionell und zügig erledigt. Mit der Presseakkreditierung sind nächtliche Fahrten sogar formal erlaubt – und könnten dennoch jederzeit auf Unverständnis stoßen. Unvergessen ist die offenbar versehentliche Erschießung eines „ukrainischstämmige(n) Israeli(s)“ an einem Kontrollpunkt im umkämpften Kiew Ende Februar, der „für einen tschetschenischen Kämpfer gehalten und getötet“ wurde, so die „Jüdische Allgemeine“. Obwohl regulärer Tourismus in der 700.000-Einwohner-Stadt mit – so „Deutschlandfunk“ – „Barock, Klassizismus und ganz viel Jugendstil“ zum Erliegen gekommen ist, sind im UNESCO-Weltkulturerbe-Zentrum viele Zimmer ausgebucht ... mit Flüchtlingen aus dem Osten und Süden der Ukraine. Diese meist russischsprachigen „Fremden“ im eigenen Land hatte der russische Präsident Putin mit seinem Eroberungskrieg eigentlich schützen wollen. Von hier sind es jetzt nur noch 50 Kilometer Luftlinie zur polnischen Grenze im Westen – aber 600 Kilometer bis zum nächstgelegenen Übergang nach Russland im Nordosten. Dennoch trafen auch Raketen eine nahe gelegene Militärbasis, ein Treibstofflager und eine Autowerkstatt im Stadtgebiet, wobei sieben Zivilisten starben. Schriller Luftalarm herrscht regelmäßig. Lemberg ist eine Hochburg der Nationalisten – und informell die kulturelle Hauptstadt der unabhängigen Ukraine, die hier bereits 1918 und 1941 ausgerufen wurde, zuletzt durch Stepan Bandera. Der Unabhängigkeitsführer kollaborierte einige Tage mit der Wehrmacht und wurde dann ins KZ Sachsenhausen unter gesonderten Haftbedingungen verbracht. Als der ukrainische Botschafter Andrij Melnyk vor einigen Tagen auf eine Journalistenfrage hin bekundete, dass Bandera „kein Massenmörder von Juden und Polen“ gewesen sei, wurde er u.a. von Israel der „Verharmlosung des Holocausts“ bezichtigt – und muss nun  gehen. Melnyk stammt aus Lemberg.


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„Entnazifizierung“ als Vorwand für Mordverbrechen

Nach Beginn von Hitlers „Unternehmen Barbarossa“ am 22. Juni 1941 war die Universitätsmetropole bereits am neunten Kriegstage gegen die UdSSR gefallen. Bis 1939 hatte die zuletzt k.&k., polnisch und jüdisch geprägte Stadt zu Polen gehört – und war dann durch Stalins Einmarsch in den Osten des Landes der Ukrainischen SSR zugeschlagen worden. Russische und weißrussische Akteure streuen nun Gerüchte, dass Warschau danach trachte, die Gegend gewaltsam zurückzuholen. Aber noch steht das enge Bündnis mit Kiew, Blau-Gelb ist im polnischen Fernsehen omnipräsent – auch, wenn die aus Solidarität gehissten Ukraine-Fahnen im Straßenbild rarer zu werden schienen, je mehr wir uns der Grenze genähert hatten. Die kollektive Erinnerung an die ukrainischen Partisanen, die bis zu 100.000 Polen getötet haben sollen, scheint hier noch wach. Drüben im schließlich sowjetisch kontrollierten Galizien und Wolhynien haben jene sogar noch bis weit in die 1950-er Jahre hinein der Roten Armee Widerstand geleistet, vor allem in den Bergen und Wäldern, während der flache, kahle Osten längst bolschewisiert und industrialisiert war. Chruschtschow suchte 1954 mit einer Überschreibung der heute so umstrittenen Halbinsel Krim „die russisch-ukrainische Freundschaft“ zu stärken. In einem Bericht der „Deutschen Wochenschau“ – Vorgänger der ARD-„Tagesschau“ und Propaganda-Organ der Regierung in Berlin – hieß es 1941: „Die ukrainische Bevölkerung empfängt unsere Soldaten begeistert als Befreier vom Blutterror des Bolschewismus.“ Die alten Leute bestätigen das – doch ihre Enttäuschung über die nun vermeintlich ausbleibende Waffenhilfe aus Deutschland ist groß. „Die befreite Bevölkerung klatscht begeistert Beifall“, kommentierte die Wochenschau damals den Abriss eines Stalin-Monuments. Während Bürgerwehren und Polizei auf der Krim und im Donbass im Gegensatz dazu ihre Lenin-Statuen in den Wirren der 2014-er Maidan-Zeit beschützten, sind die kommunistischen Denkmäler in der Westukraine schon kurz nach der Unabhängigkeit 1991 erneut gestürzt worden. Späte Genugtuung. Wir besichtigen nun ein Grabmal für gefallene Rotarmisten am Stadtrand von Lemberg, das vor wohl nicht allzu langer Zeit mit Hämmern geschändet worden ist; der Kopf des unbekannten Soldaten ist abgehackt… In der Bundesrepublik würde derartiges aufgrund ihrer vertraglichen Zusage vom 12. September 1990 gegenüber den Alliierten, die Denkmäler der Gefallenen zu pflegen, sofort zu völkerrechtlichen Problemen führen. Viele Westukrainer jedoch haben die Bolschewisten als „Tiere“ in Erinnerung behalten und assoziieren diese nun mit „den Russen“ – umso mehr seit Putins jüngster Siegesparade zum 9. Mai, in welcher er den „Großen Vaterländischen Krieg“ wieder aufzuwärmen suchte. Im polnischen Grenzstädtchen Włodawa plakatiert derweil eine Bürgerinitiative für die Entfernung des polnisch-sowjetischen Kriegermals im Zentrum: „Einst mordeten und vergewaltigten sie in Polen, jetzt wiederholt sich die Geschichte der ‘Befreiung’ in der Ukraine.“ Viele Menschen im Lemberger Raum würden den deutschen Fernseh-Reportern wohl auch heute noch zustimmen, die damals von „Bestien in Menschengestalt“ sprachen, als sie die Bergung Hunderter Ermordeter aus dem kommunistischen Lonzki-Gefängnis dokumentierten: „Unzählige wehrlose ukrainische Nationalisten“, meist aus dem ländlichen Raume, seien „viehisch hingeschlachtet“ worden, „mit Messern, Äxten, Handgranaten und Maschinengewehren“, so die schwarz-weiße Kino-Doku vom 9. Juli 1941, deren Auszüge heute – ohne Text – in dem zu einem Museum umgewandelten Gebäude gezeigt werden. „1.500 Tote“, sagt Ausstellungsführerin Christina, eine reife Dame, die ihre Russisch-Kenntnisse aus der Sowjetzeit verleumdet, „24.000“ zeitgleich in der ganzen Westukraine, als auf Stalins Befehl hin alle politischen Gefangenen vor dem Rückzug ermordet worden seien. Das vom russischen Staatsführer nun angekündigte Bemühen, „die Ukraine zu entmilitarisieren und zu entnazifizieren“, weckt in Lemberg böse Erinnerungen. „Nicht der Kalte Krieg ist die Analogie für die aktuellen Ereignisse“, schrieb die „Welt“ im März, „es ist der Zweite Weltkrieg. (…) "Die nackte Brutalität der Macht ist zurück".

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Die These vom Präventivkrieg ist nicht neu 

Während im deutschsprachigen Raum eine nicht unbedeutende Minderheit politischer Beobachter – vor allem über das Netz – offen Putins These vom „Präventivschlag“ unterstützt – als Unterbindung eines NATO-Aufmarschgebiets zur weiteren Einkreisung Russlands – wagt sich fast niemand an das heiße Eisen, dass auch „Barbarossa“ von Reichsregierung und Wehrmacht seinerzeit als genau solcher gekennzeichnet wurde. Inkonsequent. Zwar betonen die meisten seriösen Historiker heute, dass die Sowjetunion im Sommer 1941 (noch) nicht in der Lage gewesen wäre, das Reich zu überrennen . . . doch ließ Hitler in seiner „Führerproklamation“ mitteilen, dass Moskau mit der Eroberung Litauens, Teilen Finnlands und Rumäniens, sowie des Umsturzes in Jugoslawien gegen die Aufteilung der Interessensphären verstoßen und „trotz aller Ablenkung und Tarnung“ eine „inzwischen eingetretene Koalition zwischen England und Sowjetrußland“ gebildet hätte. Der gut vorbereitete anglo-sowjetische Überraschungsangriff auf das neutrale und unbeteiligte Persien/Iran zwei Monate später – zur Sicherung der Ölquellen und Schaffung eines Transportkorridors – schien das zu bekräftigen. In Anspielung auf den Hitler-Stalin-Pakt von 1939 wird Ex-Kanzlerin Angela Merkel unter ukranischen Patrioten bereits seit der Maidan-Zeit als „Frau Ribbentrop“ gebrandmarkt. Ein entsprechendes Propaganda-Plakat hängt sogar am Rande des „Ukraine-Medienzentrums“ gegenüber vom großen Lemberger Rathaus: Merkel karikiert in pinkem NS-Braunhemd. Sie habe sich „verweigernd, notwendige Waffen bereitzustellen“ verhalten und mit „einer Meinungsverschiedenheit in EU und europäischen Werten“ „das Blutvergießen der Ukrainer“ zu verantworten, ist der Beschreibung zu vernehmen. Inniges Vertrauen zu den USA scheint ob „andersartiger Kultur“ auch nicht gewachsen zu sein. 2014 demonstrierten Rechts- und Linksextreme noch gemeinsam gegen „imperialistische Einmischung“ aus Moskau, Brüssel und Washington. Doch nun scheint die Zustimmung zu einem NATO-Beitritt offenbar zugenommen zu haben. Im April hat der US-Kongress das „Leih- und Pachtgesetz“ aus dem Zweiten Weltkrieg reaktiviert, das es Präsident Biden erlaubt, Waffen und kriegswichtige Güter an die Ukraine auch ohne sofortige Bezahlung vorzustrecken. Den Sowjets half dies dereinst, gegen Hitler zu gewinnen.


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 Sowjetnostalgie im Osten

In den historischen Abhandlungen, die Wladimir Putin im Fernsehen vortrug, ist davon nichts zu hören gewesen ... aber anders als von bundesdeutschen System-Medien behauptet, waren seine anfänglichen Aussprachen auch Lenin und Stalin gegenüber noch eher kritisch gehalten. Aus den besetzten Gebieten dringen derweil Nachrichten, die eine Rückkehr des Bolschewismus dennoch vermuten lassen: Rote Flaggen überall, Ansiedlung asiatischer und kaukasischer Truppen, „Vergesellschaftung“ von Privateigentum. Gerade viele ältere Menschen, die von Hungerrenten leben müssen, mögen das mit gewissen Hoffnungen verbinden, so etwa die berühmt gewordene „Babuschka Z“: Anna Ivanovna, eine alte Landfrau in der östlichen Oblast Kharkiv/Charkow, die unlängst zur Ikone russischer Berichterstattung und Straßenpropaganda wurde, nachdem sie im April vor laufender Kamera ukrainische Soldaten mit einer Sowjetfahne empfangen und Essen-Spenden abwiesen hatte, weil die Männer ihr rotes Banner mit Füßen traten. „Meine Eltern sind für diese Flagge gestorben“, hatte sie entrüstet entgegnet. Putin hatte gleich zu Beginn der jüngsten Kriegsphase betont: „Das Ergebnis des Zweiten Weltkriegs ist heilig, ebenso wie die Opfer, die unser Volk auf dem Altar des Sieges über den Nationalsozialismus gebracht hat.“


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Deutsche an der Front

L., ein 21 Jahre alter Elektriker aus Bayern – Gutverdiener – berichtet nach seinem Erkundungsausflug an der „Ostfront“, dass Kriegsverbrechen der Russen „nicht mehr zu leugnen“ seien und er nun „unsere vergewaltigten Frauen“ von damals „rächen“ wolle. Als Freiwilliger für das völkische „Regiment Asow“. Auf der Rückreise wird er überraschend von den Polen für einen Tag verhaftet – und nun von bundesdeutschen Diensten in die Mangel genommen. „Verdachtsfall Rechtsextremismus.“ Das war es wohl mit dem Kriegsabenteuer. Einer, der kam und sich direkt einem internationalen Freiwilligenkorps anschloss, ist P. aus Berlin, Ex-Bundeswehrsoldat: Er schätzt, dass 10.000 Ausländer aufseiten der Ukrainer kämpften. „Wir halten die Russen hier auf, damit sie nicht nach Berlin kommen“, sagt er. Derweil flaniert die lokale Jugend über die Freiheitsallee südlich der Lemberger Nationaloper. Die meisten Männer wurden – noch – nicht eingezogen. Cafés und Restaurants sind geöffnet – und gut besucht. Auf den ersten Blick scheinen weder der Krieg – und erst nicht „Corona“ – sichtbar zu sein.

 


Hier zwei ältere Berichte:

Lage-Einschätzung zum Kriegsbeginn

Von Billy Six am 25. Februar 2022


Huntington hat recht behalten: Bereits 1996 prophezeite der US-Politwissenschaftler im "Clash of Civilizations" einen "westlich"-"orthodoxen" Zusammenprall um die kulturell gespaltene Ukraine.

Und seit "Corona" im Fernsehen ausgebrochen ist, wird die Welt geopolitisch umgepflügt. Nach Afghanistan geben die USA scheinbar auch wesentliche Teile der Ukraine auf. Vor Ort habe ich 2014/15 in ausgehangenen Karten von Donezk bereits ein "Neurussland" im Osten und Süden des Landes gezeigt bekommen.

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 Stalins langer Schatten – auf der Suche         nach     den letzten Zeugen des Holodomor

Von Billy Six im Jahre 2014

2014, ein Krisenjahr. Wieder mal. Doch diesmal war es ein europäisches Land, das den islamischen Kriegsschauplätzen den Rang der Medien-Aufmerksamkeit ablief. Die Ukraine, zweitgrößtes Land im alten Kontinent, befindet sich nicht nur in der Entscheidungsschlacht zwischen EU und Eurasischer Zollunion, oder dem Krieg der lokalen Oligarchen. Die 45 Millionen Einwohner sind auch gespalten in ihrer politischen Kultur. Die Verarbeitung der kommunistischen Vergangenheit ist dafür beispielhaft.

„Die Kommunisten waren wie Tiere“

Lemberg, West-Ukraine, im Februar: In der ausgebrannten, von Maidan-Anhängern besetzten zentralen Polizeiwache hat Bohdan Shvets (32) gerade seinen Papierkram erledigt. Der Sturz von Präsident Janukowitsch freut den Leiter eines lokalen EU-Kooperationsprogramms. „Die Kommunisten waren wie Tiere“, sagt er gelassen – aber ohne den Hauch von Diplomatie. Die verstorbene Großmutter habe berichtet, wie „die Russen, eine asiatische Horde“ über seine k.u.k.-geprägte Traditionsstadt hergefallen seien. „Als die Deutschen im Zweiten Weltkrieg abzogen“, so Bohdan, „fing für uns die Hölle erst an.“ Wohnungen seien in Beschlag genommen, Frauen vergewaltigt worden. „Die Rotarmisten wuschen sich ihren Kopf in den Toiletten, weil sie es nicht anders kannten.“ Anti-Kommunismus und Russophobie sind weit verbreitet. „Wir hatten die Wehrmacht mit Brot und Salz empfangen“, erinnert sich Magda Kosakewitsch, 91jährige Schwieger-Großmutter des Bürgermeisters ihrer Heimatgemeinde Simna Voda, unweit von Lemberg.


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